Pilgerherberge und Begegnungsstätte am Zittauer Jakobsweg
Wer immer in guter Absicht diese Schwelle betritt, er sei uns willkommen.
Pfarrer Michael Dittrich
 

Christliche Gastfreundschaft im Umgebinde

Im Gespräch mit Vereinsvorsitzendem Michael Dittrich, Pfarrer an der katholischen Kirche Mariä Namen in Löbau

Zur Person: Der gebürtige Görlitzer, Jahrgang 1952, wuchs im Kloster St. Marienthal in Ostritz auf, studierte Theologie in Erfurt und wurde 1978 zum Priester geweiht. Als Berufsstationen folgten Riesa, Zwickau, Dresden, Freital und Zittau. Seit 2012 ist er Pfarrer in Löbau. Michael Dittrich gilt als Förderer christlicher Traditionen und Kultur, ist aber auch als Wanderfreund eng mit der Oberlausitz, Nordböhmen und Prag verbunden.

Herr Pfarrer, was ist für Sie das Pilgern?
Das Unterwegssein zu einem Ziel, an dem man dann richtig zu Hause ist. Dieses Unterwegssein ist für viele Menschen mit religiösen Überzeugungen verbunden. Aber auch andere Motive lassen Menschen nach neuen Wegen suchen, um ans Ziel zu kommen – im wortwörtlichen wie im geistigen Sinn.

Sind Sie selbst schon gepilgert?
Ja, rund 1.000 Kilometer in Spanien, in der Schweiz, im Elsass und in unserer Heimat.

Welchen Anspruch verbinden Sie mit dem Pilgerhäusl Hirschfelde?
Eine besonders herzliche Gastfreundschaft in einem schönen schlichten Umgebindehaus. Die Pilger sollen sich bei uns in regionaltypischer Atmosphäre von den Mühen der Etappe ausruhen können, Stille finden, aber auch die Möglichkeit zum guten Austausch in der Gruppe haben. Die gemütliche Blockstube ist ideal dafür. Jeder Pilger soll spüren: Wir freuen uns, dass er bei uns Station macht. Auf seine weitere Pilgerschaft möge er ein gutes Gefühl und schöne Erinnerungen an die kurze Zeit im Pilgerhäusl mitnehmen.

Wer einen geistlichen Ansprechpartner sucht ...
... auch für den sind wir da. Der einzelne Pilger oder eine Pilgergruppe kann sich in diesem Fall an den Pilgerbetreuer – zumeist Herbergsvater Christian Kretschmer – wenden. Er stellt dann den Kontakt zu mir oder zu Jeannette Gosteli her, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren.

Für wen steht die Herberge offen?
Wir sind keine Konkurrenz zu ortsansässigen Pensionen. Unser Angebot wird vom christlichen Gedanken geprägt. Wir heißen Pilger von überallher willkommen. Wer billig Urlaub machen möchte, ist bei uns am falschen Platz.

Wie ist Hirschfelde zu seinem Pilgerhäusl gekommen?
Seitdem ich Ende der 1990er-Jahre nach Santiago de Compostela gepilgert war, ließ mich als neuer Pfarrer in Zittau der Gedanke nicht mehr los, den „vergessenen“ Jakobsweg Görlitz – Prag wiederzubeleben. Dokumente gab es nicht. Aber frühere Kommenden – Verwaltungen – der Johanniter in Hirschfelde und Český Dub sprachen dafür. Der Ritterorden richtete sie üblicherweise ein, um Pilger- und Handelswege zu schützen. Auch gibt es bis heute Jakobskirchen am Weg. Diese Erkenntnisse beflügelten mich und Mitstreiter aus den drei Nachbarländern, einen Neubeginn zu wagen.

Wie gelang dieser?
Wir gründeten einen internationalen Freundeskreis, markierten gemeinsam die 210 Kilometer lange Route auf deutscher und tschechischer Seite mit der Jakobsmuschel und tauften sie „Zittauer Jakobsweg“. Ein 100-seitiger Pilgerführer und eine dreisprachige Internetseite entstanden. Seit 2008 ist schließt „unser “ Jakobsweg nunmehr eine Lücke im mitteleuropäischen Wegenetz. Was ihm fehlte, waren Pilgerherbergen. In Hirschfelde schufen wir die erste. Auf tschechischer Seite entsteht derzeit eine weitere.

Warum fiel die Wahl auf das Haus in der Komturgasse?
Als damaliger Pfarrer von Zittau war ich auch für dieses ehemalige Pfarrhaus verantwortlich, das schon lange leer stand. Der neu eingerichtete Jakobsweg brachte uns auf die Idee, es zur Pilgerherberge zu gestalten. 2007 haben dann katholische und evangelische Christen in und um Hirschfelde den Verein gegründet, um den Umbau gemeinschaftlich in ihre Hände zu nehmen. Im selben Jahr erwarb der Pilgerhäusl e. V. das Haus von der Pfarrei Zittau für den symbolischen 1 Euro.

Wer erfand den Namen Pilgerhäusl?
Er kursierte plötzlich. Die Wortkombination hat bei den Leuten gezündet. In „Pilger“ steckt die Bestimmung des Gebäudes. „Häusl“ ist in der Oberlausitz das gängige Wort für Haus.

Woher nahm der Verein das Geld für den Umbau?
Auf glückliche Weise fügte es sich, dass der Landkreis Görlitz und die Bezirksverwaltung Liberec mit unserem Pfarrhaus ein Praxisobjekt fanden, mit dem grenzübergreifend die fachgerechte Sanierung und Umnutzung von Umgebindehäusern veranschaulicht werden konnte. Unser Kooperationstrio beantragte EU-Fördermittel für das Projekt. Nach langer Wartezeit erhielten wir im Mai 2010 die Zusage. Das war für mich ein Freudentag.

Wie unterstützte der Verein die Sanierung?
Wir haben Spenden in Höhe von rund 60.000 Euro eingeworben. 20.000 Euro stammen von der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien, weitere Gelder von Einheimischen sowie Menschen aus Sachsen und weiteren Bundesländern. Ein Silberhochzeitspaar beispielsweise verzichtete zugunsten des Pilgerhäusls auf Geschenke. Auch praktisch halfen wir. Um den Verein hatte sich ein Kreis engagierter Bürger gebildet. Sie leisteten insgesamt rund 10.000 freiwillige Arbeitsstunden, allen voran Christian Kretschmer und Uwe Nichterwitz. Die beiden Unermüdlichen gehören inzwischen zu den Pilgerbetreuern.

War mit der Herbergseröffnung für den Verein alles getan?
Im Gegenteil. Als Träger des Pilgerhäusls kümmern wir uns um Gebäude und Garten, um die Pilgerbetreuung, um ein lebendiges Haus auch über die Pilgersaison hinaus. Ausstellungen im Gewölberaum, Vorträge und Treffen in der Blockstube, Geistliche Wochenenden und manches mehr gehören zum Jahresprogramm. Sinnbildlich steht unser Haus auf drei Säulen: Pilgern, Bilden und Begegnen. Unser Haus ist Herberge, zugleich Anschauungsobjekt für fachgerecht bewahrte Umgebindebauweise und zudem ein traditionsreicher Ort der Gastfreundschaft, der zu Veranstaltungen Menschen über Konfessionen, Orts- und Ländergrenzen hinweg zusammenführt.