Pilgerherberge und Begegnungsstätte am Zittauer Jakobsweg
Wer immer in guter Absicht diese Schwelle betritt, er sei uns willkommen.
 

Bewahrenswertes für die Zukunft sichern

Im Gespräch mit Dipl.-Ing. Knut Wolf, Freier Architekt

Zur Person: Knut Wolf, Jahrgang 1947, stammt aus Friedersdorf in der Oberlausitz. Er studierte Architektur an der TU Dresden, war später u. a. in der Sanierung der Görlitzer Altstadt tätig und ist seit 1990 Freier Architekt. Viele erneuerte Umgebindehäuser in der Oberlausitz sind mit seinem Namen verbunden, beispielsweise die Alte Mangel in Ebersbach und mehrere preisgekrönte Gebäude in Großschönau. In seiner Heimatgemeinde, dem Kurort Jonsdorf, wohnt und arbeitet Knut Wolf selbst in einem Umgebindehaus.

Herr Wolf, Sie hatten die Aufgabe, das ehemalige Pfarrhaus zur Pilgerherberge, zum Vereinshaus und zur Ausstellungsstätte umzugestalten. Worin bestand dabei die Kunst?
Es musste die Herausforderung gemeistert werden, Altes sinnvoll zu bewahren und feinfühlig Neues einzubringen, um dem Haus eine Zukunft zu geben. Wer ein Umgebindehaus besitzt, der steht vor ähnlichen Problemen: Wie kann ich in meinem Haus auch im 21. Jahrhundert gut wohnen? Die Gebäude sind oft Jahrhunderte alt. Das macht ihre Schönheit aus und ihre Tücken. Als Baudenkmale brauchen sie besondere Fürsorge, aber auch Ideen für eine moderne Ausstattung. Sonst besteht die Gefahr, dass sie ungenutzt verfallen. Mit einer „lebendigen Baustelle“ haben wir ein Beispiel gegeben, wie eine Rettung gelingen kann.

Wie unterschied sich diese Sanierung von Ihren anderen Projekten?
Das Besondere war die geplante multifunktionale, saisonabhängige Nutzung – durchweg in der Pilgerzeit von Ostern bis Oktober und zeitweilig im Winter, nämlich bei Bedarf für Veranstaltungen. Ein Wohnhaus dagegen wird in der Regel ganzjährig konstant genutzt. Das hat unterschiedliche Konsequenzen für die Beheizung und Wärmedämmung. Ein weiterer Gesichtspunkt betraf den Bautyp an sich: Kein Umgebindehaus gleicht dem anderen. Wir fanden ein mehrere Jahrhunderte altes Gebäude vor, von dessen ursprünglicher Gestalt wenig übrig geblieben war. Das heutige Haus ist bis ins 20. Jahrhundert hinein umgebaut und ergänzt worden.

Was lässt sich zur Konstruktion sagen?
Es wurde ursprünglich als bäuerliches Wohnstallhaus errichtet, ein von der Bauanlage eher bescheidenes Gebäude. Für einen sparsamen Bau sprechen etwa die niedrigen Deckenhöhen. Die heutige Blockstube und der Gewölbeteil entstammen einer späteren Umbauphase. Unter den Umgebindehäusern gehört es zu den Langständerbauten, der älteren Konstruktionsart des Haustyps. Beim Pilgerhäusl gehen die senkrechten Schluss- und Eckständer des Umgebindes über die Blockstubenhöhe hinaus. Sie verbinden das Fachwerkgeschoss mit der Stützkonstruktion und reichen bis zu den Dachbalken. Im südlichen Erdgeschoss steht hinter dem Umgebinde eine dreiseitige Blockstube. Der mittlere und nördliche Hausteil mit Gewölbe ist massiv gemauert. Das Fachwerk erstreckte sich einst über das gesamte Obergeschoss, ist aber von außen nur über der Blockstube sichtbar. Das Krüppelwalmdach ist mit handgestrichenen Biberschwanzziegeln gedeckt.

In welchem Zustand haben Sie das Haus übernommen?
Es war rundum stark sanierungsbedürftig. Viele Jahre Leerstand hatten zu einem erheblichen Reparaturstau geführt. Schadhafte Teile und unzureichender Holzschutz im Umgebinde, Pilz- und Insektenbefall in Teilen der Blockstube, Feuchte- und Salzschäden im Mauerwerk, geschädigte Böden, Türen und Fenster, mangelhafte technische Ausstattung, geminderte Tragfähigkeit von Dachträgern … Außerdem hatten Industriestaub und weitere Umwelteinflüsse dem Haus über Jahrzehnte geschadet. Auch das Geländeprofil hatte seine Tücken: Das Haus als altes Bestandsgebäude liegt rund einen Meter tiefer als die vorbeiführende, später gebaute Straße. Ein Problem für die Entwässerung.

Wie wurde das Haus verjüngt?
Beauftragt wurden mehr als 30 Handwerksfirmen, die traditionelle Techniken für Umgebindekonstruktionen beherrschen und in der Lage sind, behutsam neue technische Ausstattungen einbringen. Das Nacheinander und Miteinander der Dachdecker, Zimmerleute, Tischler, Lehmbauer, Maurer, Elektriker, Sanitär- und Heizungstechniker war auch eine große logistische Herausforderung. Hand in Hand beseitigten wir die Schwachstellen im Haus, reparierten schadhafte Bereiche, nahmen bauphysikalische Veränderungen vor, setzten dazu ökologische Baustoffe ein – darunter 50 Tonnen Lehm –, installierten Haustechnik, die dem Stand der Zeit entspricht, und und und. Kontinuierlich waren auch ehrenamtliche Helfer aus Hirschfelde auf der Baustelle, die beispielsweise mühevoll die Lackschichten in der Blockstube entfernten.

Wie viel vom Holz am Pilgerhäusl ist noch historisches Material?
Die alte Holzkonstruktion ist bis auf wenige Reparaturstücke erhalten geblieben. Einige Fenster konnten original erhalten werden, andere wurden denkmalgerecht ersetzt. Der alte Holzaufbau und die Fachwerkwände wurden repariert und mit Lehm verputzt. Vorsichtig sind wir auch mit der weiteren Altsubstanz umgegangen. Die gemauerten Gewölberäume wurden saniert und erhielten ebenfalls Lehmputz. Die historische Dachdeckung blieb auf der Hausvorderseite unberührt. Auf der reparaturbedürftigen Rückseite wurden die alten Handstrich-Bieberschwänze abgenommen, aufgearbeitet und in Mörteldeckung neu verwendet.

Welche Lösung fanden Sie für die gemischte Nutzung?
Neben neuer Elektrik und Sanitärtechnik war eine verbesserte Wärmedämmung und moderne Heizung die entscheidende haustechnische Aufgabe. Heiz- und Warmwasser bereiten wir mit Erdwärme auf. Dazu haben wir eine Solewasserwärmepumpe mit zwei Sonden eingebaut, die 140 Meter tief in die Erde reichen. Das gesamte Haus wird über eine Niedertemperaturheizung mit Fußboden- und Wandheizflächen beheizt. Für dieses System sprechen u. a. ein geringer Energieverbrauch und gutes Raumklima. Mit mehreren Heizzonen entsprechen wir den unterschiedlichen Nutzungszeiten und -bedingungen. Die 25 Fenster im Obergeschoss erhielten eine Dreifachverglasung.

Was waren während des Baus Ihre unliebsamsten Überraschungen?
Trotz sorgfältiger Voruntersuchungen trat während der Bauarbeiten – nachdem die morschen Dielen entfernt und alte Putze abgeschlagen waren – eine Anzahl weiterer, schwerwiegender Schäden zu Tage. Ein Beispiel: Als wir im Gewölbeteil den Fußboden entfernten, trauten wir unseren Augen nicht. Das Fundament bestand nur aus einer dünnen Schicht von Feldsteinen auf feuchtem Lehmgrund. Das war nicht zu erwarten gewesen. Da hatten unsere Vorfahren aus unbekannten Gründen gespart. Akute Grundbruchgefahr bestand. Zur Notsicherung brachten wir 20 Tonnen Kies ein und stützten das Gewölbe. Später mussten wir diesen Raumbereich aufwendig nachgründen. Das verzögerte die Bauarbeiten und bedurfte zusätzlicher Mittel von der Sächsischen Aufbaubank.

Worüber haben Sie sich beim Umbau am meisten gefreut?
Da wäre einiges zu nennen. So ist es gelungen, den Jugendstil-Kachelofen in der Blockstube zu retten. Er hatte auf verfaultem Untergrund gestanden und zusammenzubrechen gedroht. Das historische Kleinod wurde fachmännisch zerlegt, eingelagert und nach Erneuerung der Blockstube wieder aufgebaut. Jetzt ist er mit einer modernen Brandfeuerung und elektronischer Zuluftregelung ausgestattet. Eine Augenweide ist die komplett neue Dielung mit langen, 40 Zentimeter breiten und verdeckt geschraubten Brettern aus Douglasie. Sie prägt maßgeblich das natürliche Erscheinungsbild im Haus. Weitere schöne Details: Die Holztreppen ins Ober- und Dachgeschoss sind nach historischem Vorbild gefertigt worden. Auch der Lehmverputz in mehreren Naturfarbtonen gibt dem Pilgerhäusl gegenüber anderen Gebäuden etwas Besonderes. Verwendet wurden originale Naturerden ohne Farbzusätze.

Welchen Eindruck sollen Gäste vom Pilgerhäusl mitnehmen?
Das Bild einer heimatverbundenen Herberge mit schlichter Außenwirkung, die das Gefühl der Wertschätzung historischer Bausubstanz vermittelt. Der Bau zeigt bewusst seine Altersstrukturen. Als Pilger kann man sie erleben, achten und lieben lernen. Ich hoffe, dass sich die Gäste gern daran erinnern, dass wir das alte Haus für heutige und nachfolgende Generationen gut instandgesetzt haben, so dass man sich beim Aufenthalt auf Pilgertour sehr wohlfühlen kann.