Pilgerherberge und Begegnungsstätte am Zittauer Jakobsweg
Wer immer in guter Absicht diese Schwelle betritt, er sei uns willkommen.
Als 2006 der Zittauer Jakobsweg von Gnesen nach Prag eingerichtet wurde, kam die Idee auf, das leerstehende katholische Pfarrhaus in Hirschfelde zur Pilgerherberge umzubauen. Ein Jahr später gründete sich ein ökumenischer Verein, um dieses Ziel anzugehen. Dann folgte von 2010 bis 2013 die denkmalgerechte und ökologische Sanierung. Am 21. März 2014 wurde das Gebäude feierlich als Herberge eröffnet und trägt seidem den Namen "Pilgerhäusl".

 

Hausgeschichte

Unser Pilgerhäusl steht auf historischem Grund. Die Johanniter hatten von 1365 bis 1570 eine Niederlassung (Kommende) auf dem Gelände an der heutigen Komturgasse. Diese wurde von einem Komtur geleitet. Die ältesten Teile im Umgebindehaus stammen möglicherweise aus dieser Zeit.

Das Gebäude entstand vermutlich vor rund 300 Jahren als Bauernhaus. Seither wurde es mehrfach umgebaut. 1917 erwarb die hiesige katholische Glaubensgemeinschaft das Bauerngut mit dem Umgebindehaus und Kuhstall. 1919 wurde der Stall in eine Kapelle umgebaut. 1935 löste die kleine Kirche St. Konrad von Parzham die Kapelle ab.

Das Bauernhaus verwandelte sich in ein Pfarrhaus. Erst zog das Kirchendienerehepaar (Küster) ein, 1945 folgte der erste selbstständige Pfarrer in Hirschfelde. Seine Amtsnachfolger wohnten im Gebäude bis 1992. Bis 2010 stand es leer. Geld für Reparaturen fehlte. Nur in der Blockstube fanden hin und wieder Gemeindenachmittage statt.

Die Perspektive des stark beschädigten Hauses wäre irgendwann der Abriss gewesen. Die Idee, das Baudenkmal zu einer Pilgerherberge am Zittauer Jakobsweg umzubauen, gab ihm eine neue Zukunft.

 

Das Baugeschehen im Überblick

Die Verwandlung von 2010 bis 2013

Es ist ein schöner Sommertag: Am 1. Juli 2010 wird symbolisch der Grundstein für die Umgestaltung des einstigen katholischen Pfarrhauses in Hirschfelde in eine Pilgerherberge gelegt. Die feierliche Zeremonie nehmen unter den Blicken von gut 40 Gästen die drei Projektpartner vor, vertreten durch Pfarrer Michael Dittrich vom Pilgerhäusl-Verein, Jeannette Gosteli vom Landkreis Görlitz und Vít Přikaski vom tschechischen Kraj Liberec.

 

Eingravierter Leitgedanke

Der Grundstein, der gleich hinter der Türschwelle versenkt wird, ist aus schlesischem Sandstein und trägt die Inschrift „Wir für das Pilgerhäusl“. Dieser Gemeinschaftsgedanke ist Leitmotiv für die bevorstehende Rekonstruktion.

Wer an diesem Tag das Umgebindehaus umrundet und einen Blick hineinwirft, der sieht: Hier ist viel zu tun! Seit 1992 steht das Gebäude leer. Die Bauzustandsanalyse hat zahlreiche Schäden offenbart. Es ist höchste Eisenbahn, wenn es dem weiteren Verfall und Abriss entgehen soll.

 

Baustart

Baustart ist am 20. Oktober 2010. Die Bürger von Hirschfelde und Umgebung – insbesondere aus der katholischen und evangelischen Gemeinde – nehmen das Motto auf dem Grundstein ernst. Ein Ehrenamttrupp hat sich gebildet. Er befreit das Haus zunächst von unnötigem Ballast, um den historischen Kernbestand freizulegen. Die Helfer tragen alte Putze ab, entfernen schadhafte Fußböden und nachträgliche Verkleidungen. Mit den Abbrucharbeiten schaffen sie bis ins neue Jahr hinein Baufreiheit für die Fachfirmen. 14 Kubikmeter Schutt kommen zusammen.

 

Mit Spachtel und Heißluftgerät

Das Holz der Decke in der Blockstube kann man zunächst nur erahnen. Immer wieder neu ist es von früheren Bewohner überpinselt worden. Christian Kretschmer, Uwe Nichterwitz und weitere Unentwegte aus dem Ehrenamttrupp wechseln sich ab, um mit Spachtel und Heißluftgerät die Farbschichten zu beseitigen. Als – vermutlich nach Jahrzehnten der Verhüllung – das erste Holz wieder sichtbar wird, ist das für alle ein Freudentag. Doch die alte Farbe ist hartnäckig, die Arbeit über Kopf schwer und zeitraubend. Es wird noch lange dauern, bis die Decke ihre Naturschönheit wiedererlangt hat.

 

Biberschwänze auf dem Dach

Die ersten Fachhandwerker halten Einzug. Von Mai bis Juni 2011 wird das Krüppelwalmdach auf der Ostseite repariert, auf der Westseite auf rekonstruierter Dachlattung komplett erneuert. Zu Werke geht die Zittauer Dachdeckerei Lehnert. Die altbauerfahrenen Handwerker nehmen zunächst von 160 Quadratmetern Fläche die alte Deckung ab, bereiten – unterstützt vom Ehrenamttrupp – das Altmaterial wieder auf und verlegen dann 8.000 handgestrichene Biberschwanzziegel neu. Gekrönt wird das Dach Mitte Juni von der Schlosserei Schlick aus Zittau mit einem Blitzableiter nebst nagelneuer Blitzschutzanlage.

 

Rutschende Fundamente

Unangenehme Überraschung plötzlich in der Blockstube. Der Versuch, den Granitsockel von innen zu dämmen, scheitert. Der 1,75 Meter lange Stein verrutscht. Haben die Vorfahren bei der Gründung dieses Hausteils gespart? Die Fachleute handeln schnell: Umgebinde und Blockstube werden abgestützt, Betonfundamente eingebracht. Nun kann der Granitsockel neu eingebaut werden.

 

Jugendliche Hilfe

Sommer 2011. Im Haus wird geschachtet. Helfer entfernen die Fußböden im Erdgeschoss. Rund 30 Zentimeter tief wird gegraben. Beton im Gewölberaum beispielsweise macht es den ehrenamtlichen Bauleuten nicht leicht. Bis in den Dezember hinein werden die Arbeiten andauern. In die geschaffenen Vertiefungen soll später Glasschotter als Dämmstoff gefüllt werden. Rita, Tina, Alexandra, Lydia, Theresa, Hanna, Rosanna und Lorenz – so heißen die jungen Leute, die im Oktober 2011 auf der Baustelle helfen. Sie kommen von der katholischen Pfarrei Löbau. Mit Drahtbürsten befreien sie im Obergeschoss Fachwerkbalken von Kalkanstrichen. Und sie beschäftigen sich gedanklich mit dem Haus: Wie soll es einmal aussehen, damit sich die Pilger darin wohlfühlen?

 

Wärme aus der Erde

Tief hinab geht es gleich zu Beginn des neuen Jahres. Der milde Januar 2012 ermöglicht der Firma Erdwärme und Brunnenbau Kunze aus Gröditz zwei Bohrungen. Sie reichen bis in 125 Meter Tiefe. In diese Kanäle werden Erdsonden eingebracht. Sie werden mittels moderner Wärmepumpe die Erdwärme für das Haus nutzbar machen.

 

Sicherung des Gewölbes

„Vernadelung“ nennt es der Fachmann, wenn gemauerte Konstruktionen mit Stahlankern stabilisiert werden. Da die Standfestigkeit des Gewölbes im gemauerten Hausteil an einigen Stellen gefährdet ist, werden im März 2012 diese gerippten Anker zwischen die freigelegten Ziegel eingesetzt und vermörtelt. Sie nehmen nunmehr die senkrecht zur Wandoberfläche wirkenden Zugkräfte aus.

 

Ableitung des Regenwassers

Das Frühjahr an frischer Luft: Zug um Zug ist seit 2011 das Außengelände abgesenkt worden. Der Garten am Haus wurde von rund 10 Kubikmetern Erdreich befreit. Warum dieser Aufwand? Um die Blockstube vor Regenwasser zu schützen. Sie war bisher der tiefste Punkt im Gelände und so der Gefahr ausgesetzt, dass Regenwasser eindringt. Ab April 2012 nimmt nun eine Versickerungsgrube bei Regen das Oberflächenwasser auf. Die Baufirma Dehmel aus Hirschfelde legt sie auf einer Wiese vor dem Haus an.
 

Ökologische Baustoffe

Gleichfalls im April dämmt die Baufirma Vass aus Großschönau den Fußboden im Hausflur. Ebenso wie zuvor in der Blockstube bringt sie Glasschotter ein, einen ökologischen Baustoff.

 

Lehm - innen und außen

Ein weiterer ökologischer Baustoff bestimmt ab Mitte 2012 das Baugeschehen: der Lehm. Rund 50 Tonnen dieser – neben Holz und Stein – natürlichen Grundsubstanz eines Umgebindehauses werden in den kommenden Monaten verwendet. „Die Lehmwerker“ aus Schönbach verputzen zunächst im Obergeschoss die Außenwände mit Dämmlehm, bringen Lehmdecken auf und ergänzen innen verloren gegangenes Lehmfachwerk. Später überziehen sie das Gewölbe mit Ausgleichslehm und danach mit Edelputz, ein ganz besonders feiner Lehm. Ab September 2013 verputzen die Lehmwerker das Fachwerk von außen. Die Farbe wird mit der Denkmalschutzbehörde abgestimmt. Die beige Note des Lehms harmoniert gut mit dem natürlichen Braun des Holzes. Rot ist wiederum der Lehm-Edelputz, den im Oktober die Diele im Obergeschoss erhält.

 

Morsche Decke

Was ist das? Als freiwillige Helfer zur Jahresmitte im Obergeschoss hölzerne Deckenverkleidungen entfernen, können sie es nicht fassen: Die Deckenstaken ruhen nur auf dünnen, morschen Leisten. Einsturzgefahr! Baustopp! Architekt Knut Wolf veranlasst umgehend eine ungeplante Deckenreparatur. Die Zimmerei Müller & Sohn aus Jonsdorf ersetzt das heikle Provisorium durch eine fachgerechte Lösung. Die erfahrenen Holzfachleute hatten bereits vorher schadhafte Umgebindeständer ausgebessert, brüchige Hölzer im Obergeschoss ausgewechselt und verfallene Fensterbretter ersetzt.

 

Schock im Gewölberaum

Alte Häuser sind für Überraschungen gut. Aber diese hat der Umgebinde-erfahrende Architekt Knut Wolf nicht geahnt: Als im August freiwillige Helfer den Fußboden im Gewölberaum ausschachten, stoßen sie auf ein Fundament, das nur aus einer dünnen Feldsteinschicht besteht. Notsicherung ist erforderlich – mit 20 Tonnen Kies, die umgehend verfüllt werden, und Holzstützen an den Gewölbesäulen. Allgemeines Aufatmen, Grundbruchgefahr abgewendet. Die dauerhafte Sanierung des Fundaments – die aufwendige Nachgründung – erfolgt im April 2013.

 

Heizung

Spätsommer und Herbst 2012 gehören vor allem den Heizungsvarianten im Haus. Die Firma Wiedemann aus Bautzen installiert die Wandheizung in den Pilgerunterkünften im Obergeschoss, die wiederum unter Lehmputz der Lehmwerker verschwinden. In der Blockstube setzt die Firma Collasch aus Zittau den alten grünen Kachelofen neu, den sie 2011 behutsam abgebaut und eingelagert hatte. Jetzt ist er mit einer modernen Brandfeuerung und elektronischen Zuluftregelung ausgerüstet.

 

Sprossenfenster

Um möglichst viel alte Bausubstanz zu erhalten, werden die inzwischen ausgebauten alten Sprossenfenster fachkundig aufbereitet. Das hat die Tischlerei Höhne aus Sohland übernommen. Ehrenamtliche Helfer befreien derweil die Fenstereinfassungen von alter Farbe.

 

Fußböden mit Charakter

Für die Holzdielen in allen Räumen werden Bretter aus Douglasie ausgewählt. Die Firma Schramm aus Hörnitz verlegt sie im Oktober. Von der Firma Große stammen die Holztreppen, die jetzt ins Ober- und Dachgeschoss führen. Der Flur erhält aus der Hand von Fliesenleger Volker Kunze aus Hörnitz speziell gebrannte rötliche Ziegel.

Fotoansichten vor und nach der Umgestaltung 2010-2014

Ostseite vor der Sanierung
 
... und nach der Sanierung

Südseite vor der Sanierung
 
... und nach der Sanierung

Westseite vor der Sanierung
 
... und nach der Sanierung

Nordseite vor der Sanierung
 
... und nach der Sanierung

Blockstube vor der Sanierung
 
... und nach der Sanierung

Gewölberaum vor der Sanierung
 
... und nach der Sanierung

Unterkunftszimmer vor der Sanierung
 

Flur vor der Sanierung
 
 
Christian Kretschmer und Uwe Nichterwitz
 

Enthusiasmus und Durchhaltevermögen

Vom Segen ehrenamtlicher Helfer

Was wäre das Pilgerhäusl ohne den Enthusiasmus und das Durchhaltevermögen der ehrenamtlichen Helfer! Mit Arbeitseinsätzen an Wochenenden und zäher Kleinarbeit oft Tag für Tag haben Bürger aus Hirschfelde und Umgebung den Umbau mit vorangebracht. Fast zehntausend freiwillige Arbeitsstunden stecken in dem Gebäude.

Kern des „Ehrenamttrupps“ waren zwei Männer: Christian Kretschmer, Jahrgang 1944, und Uwe Nichterwitz, Jahrgang 1959. Sie arbeiteten in der dreijährigen Bauzeit fast täglich vor Ort.

Nachbarn und Teamkollegen
Sie kennen sich seit mehr als 30 Jahren. Im Ort sind sie Nachbarn und wohnen selbst in Umgebindehäusern. Früher arbeiteten sie gemeinsam in einem Kfz-Reparaturbetrieb. Ihre DDR-Biografien sind ihnen auf der Pilgerhäusl-Baustelle zugute gekommen. „In der Mangelwirtschaft haben wir immer versucht, eine Lösung zu finden“, erinnert sich Christian Kretschmer.

Als Helfer für den Umbau gesucht wurden, sprach er als Gründungsmitglied des Pilgerhäusl-Vereins und Organisator der ehrenamtlichen Arbeit seinen einstigen Mitstreiter an. Uwe Nichterwitz besann sich nur kurz, sagte zu und kam im Oktober 2010 erstmals auf die Baustelle.

Wendepunkt Pilgerhäusl
Für ihn war es ein persönlicher Wendepunkt. In einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit hatte ihm das Schicksal hart zugesetzt. Er musste mehrere Insolvenzen und Firmenschließungen am eigenen Leib erfahren – mit der Konsequenz der Langzeitarbeitslosigkeit. Das Pilgerhäusl brachte ihm zwar keinen neuen Job, aber eine ehrenamtliche Aufgabe.

Der gelernte Kfz-Schlosser und spätere Tiefbauer denkt an eine erfüllte Zeit zurück. Putz abhacken, schachten, Material abladen, Dachziegel putzen, Farbanstriche entfernen, Rohre verlegen. Ziegel aufarbeiten, Fachfirmen zur Hand gehen – groß war die Palette der Arbeiten. „Ich sah, dass sich etwas verändert, dass etwas Neues wächst. Das war meine Motivation“, sagt Uwe Nichterwitz rückblickend.

Härtnäckige Holzdecke
Mit einem weinenden und einem lachenden Auge blickt er heute zur frischen Holzbalkendecke der Blockstube. „Sie war das schwierigste Stück Arbeit. Hartnäckige Farbanstriche mehrerer Generationen von Bewohnern mussten wir entfernen. Fast ein Jahr haben wir dafür gebraucht. Das ging manchmal schon an die körperliche Substanz. Umso mehr freue ich mich heute über den schönen Anblick“, so Uwe Nichterwitz.

Viele Geschichten könnte er rund um die baulichen Veränderungen im Pilgerhäusl erzählen, etwa über die Entdeckung eines überbauten historischen Fensters in der Blockstube oder von der Aufarbeitung einer alten Ofenbank für den Kachelofen, um den authentischen Eindruck zu verstärken.

Ehrenmitgliedschaft
„Uwe hat viel Herzblut in die Arbeiten gesteckt“, urteilt sein Teamkollege Christian Kretschmer. Schon im Winter 2010/11 hatte er sich unverzagt durchgeboxt und in mühseliger Kleinarbeit bei eisigen Temperaturen den alten Putz vom Gewölbe abgeschlagen. Da habe ich ihn bewundert.“

Uwe Nichterwitz ist dem Pilgerhäusl nach dem Umbau treu geblieben. Er hilft jetzt, die Pilger zu betreuen, Gebäude und Garten fortlaufend zu erhalten. „Wenn man mich anspricht, bin ich dabei“, sagt er. Der Verein hat ihm sein Engagement mit der Ehrenmitgliedschaft gedankt. Darüber hat es sich gefreut: „Wenn ich spüre, dass meine Arbeit anerkannt wird, ist das eine tolle Sache.“
 

Bewahrenswertes für die Zukunft sichern

Im Gespräch mit Dipl.-Ing. Knut Wolf, Freier Architekt

Zur Person: Knut Wolf, Jahrgang 1947, stammt aus Friedersdorf in der Oberlausitz. Er studierte Architektur an der TU Dresden, war später u. a. in der Sanierung der Görlitzer Altstadt tätig und ist seit 1990 Freier Architekt. Viele erneuerte Umgebindehäuser in der Oberlausitz sind mit seinem Namen verbunden, beispielsweise die Alte Mangel in Ebersbach und mehrere preisgekrönte Gebäude in Großschönau. In seiner Heimatgemeinde, dem Kurort Jonsdorf, wohnt und arbeitet Knut Wolf selbst in einem Umgebindehaus.

Herr Wolf, Sie hatten die Aufgabe, das ehemalige Pfarrhaus zur Pilgerherberge, zum Vereinshaus und zur Ausstellungsstätte umzugestalten. Worin bestand dabei die Kunst?
Es musste die Herausforderung gemeistert werden, Altes sinnvoll zu bewahren und feinfühlig Neues einzubringen, um dem Haus eine Zukunft zu geben. Wer ein Umgebindehaus besitzt, der steht vor ähnlichen Problemen: Wie kann ich in meinem Haus auch im 21. Jahrhundert gut wohnen? Die Gebäude sind oft Jahrhunderte alt. Das macht ihre Schönheit aus und ihre Tücken. Als Baudenkmale brauchen sie besondere Fürsorge, aber auch Ideen für eine moderne Ausstattung. Sonst besteht die Gefahr, dass sie ungenutzt verfallen. Mit einer „lebendigen Baustelle“ haben wir ein Beispiel gegeben, wie eine Rettung gelingen kann.

Wie unterschied sich diese Sanierung von Ihren anderen Projekten?
Das Besondere war die geplante multifunktionale, saisonabhängige Nutzung – durchweg in der Pilgerzeit von Ostern bis Oktober und zeitweilig im Winter, nämlich bei Bedarf für Veranstaltungen. Ein Wohnhaus dagegen wird in der Regel ganzjährig konstant genutzt. Das hat unterschiedliche Konsequenzen für die Beheizung und Wärmedämmung. Ein weiterer Gesichtspunkt betraf den Bautyp an sich: Kein Umgebindehaus gleicht dem anderen. Wir fanden ein mehrere Jahrhunderte altes Gebäude vor, von dessen ursprünglicher Gestalt wenig übrig geblieben war. Das heutige Haus ist bis ins 20. Jahrhundert hinein umgebaut und ergänzt worden.

Was lässt sich zur Konstruktion sagen?
Es wurde ursprünglich als bäuerliches Wohnstallhaus errichtet, ein von der Bauanlage eher bescheidenes Gebäude. Für einen sparsamen Bau sprechen etwa die niedrigen Deckenhöhen. Die heutige Blockstube und der Gewölbeteil entstammen einer späteren Umbauphase. Unter den Umgebindehäusern gehört es zu den Langständerbauten, der älteren Konstruktionsart des Haustyps. Beim Pilgerhäusl gehen die senkrechten Schluss- und Eckständer des Umgebindes über die Blockstubenhöhe hinaus. Sie verbinden das Fachwerkgeschoss mit der Stützkonstruktion und reichen bis zu den Dachbalken. Im südlichen Erdgeschoss steht hinter dem Umgebinde eine dreiseitige Blockstube. Der mittlere und nördliche Hausteil mit Gewölbe ist massiv gemauert. Das Fachwerk erstreckte sich einst über das gesamte Obergeschoss, ist aber von außen nur über der Blockstube sichtbar. Das Krüppelwalmdach ist mit handgestrichenen Biberschwanzziegeln gedeckt.

In welchem Zustand haben Sie das Haus übernommen?
Es war rundum stark sanierungsbedürftig. Viele Jahre Leerstand hatten zu einem erheblichen Reparaturstau geführt. Schadhafte Teile und unzureichender Holzschutz im Umgebinde, Pilz- und Insektenbefall in Teilen der Blockstube, Feuchte- und Salzschäden im Mauerwerk, geschädigte Böden, Türen und Fenster, mangelhafte technische Ausstattung, geminderte Tragfähigkeit von Dachträgern … Außerdem hatten Industriestaub und weitere Umwelteinflüsse dem Haus über Jahrzehnte geschadet. Auch das Geländeprofil hatte seine Tücken: Das Haus als altes Bestandsgebäude liegt rund einen Meter tiefer als die vorbeiführende, später gebaute Straße. Ein Problem für die Entwässerung.

Wie wurde das Haus verjüngt?
Beauftragt wurden mehr als 30 Handwerksfirmen, die traditionelle Techniken für Umgebindekonstruktionen beherrschen und in der Lage sind, behutsam neue technische Ausstattungen einbringen. Das Nacheinander und Miteinander der Dachdecker, Zimmerleute, Tischler, Lehmbauer, Maurer, Elektriker, Sanitär- und Heizungstechniker war auch eine große logistische Herausforderung. Hand in Hand beseitigten wir die Schwachstellen im Haus, reparierten schadhafte Bereiche, nahmen bauphysikalische Veränderungen vor, setzten dazu ökologische Baustoffe ein – darunter 50 Tonnen Lehm –, installierten Haustechnik, die dem Stand der Zeit entspricht, und und und. Kontinuierlich waren auch ehrenamtliche Helfer aus Hirschfelde auf der Baustelle, die beispielsweise mühevoll die Lackschichten in der Blockstube entfernten.

Wie viel vom Holz am Pilgerhäusl ist noch historisches Material?
Die alte Holzkonstruktion ist bis auf wenige Reparaturstücke erhalten geblieben. Einige Fenster konnten original erhalten werden, andere wurden denkmalgerecht ersetzt. Der alte Holzaufbau und die Fachwerkwände wurden repariert und mit Lehm verputzt. Vorsichtig sind wir auch mit der weiteren Altsubstanz umgegangen. Die gemauerten Gewölberäume wurden saniert und erhielten ebenfalls Lehmputz. Die historische Dachdeckung blieb auf der Hausvorderseite unberührt. Auf der reparaturbedürftigen Rückseite wurden die alten Handstrich-Bieberschwänze abgenommen, aufgearbeitet und in Mörteldeckung neu verwendet.

Welche Lösung fanden Sie für die gemischte Nutzung?
Neben neuer Elektrik und Sanitärtechnik war eine verbesserte Wärmedämmung und moderne Heizung die entscheidende haustechnische Aufgabe. Heiz- und Warmwasser bereiten wir mit Erdwärme auf. Dazu haben wir eine Solewasserwärmepumpe mit zwei Sonden eingebaut, die 140 Meter tief in die Erde reichen. Das gesamte Haus wird über eine Niedertemperaturheizung mit Fußboden- und Wandheizflächen beheizt. Für dieses System sprechen u. a. ein geringer Energieverbrauch und gutes Raumklima. Mit mehreren Heizzonen entsprechen wir den unterschiedlichen Nutzungszeiten und -bedingungen. Die 25 Fenster im Obergeschoss erhielten eine Dreifachverglasung.

Was waren während des Baus Ihre unliebsamsten Überraschungen?
Trotz sorgfältiger Voruntersuchungen trat während der Bauarbeiten – nachdem die morschen Dielen entfernt und alte Putze abgeschlagen waren – eine Anzahl weiterer, schwerwiegender Schäden zu Tage. Ein Beispiel: Als wir im Gewölbeteil den Fußboden entfernten, trauten wir unseren Augen nicht. Das Fundament bestand nur aus einer dünnen Schicht von Feldsteinen auf feuchtem Lehmgrund. Das war nicht zu erwarten gewesen. Da hatten unsere Vorfahren aus unbekannten Gründen gespart. Akute Grundbruchgefahr bestand. Zur Notsicherung brachten wir 20 Tonnen Kies ein und stützten das Gewölbe. Später mussten wir diesen Raumbereich aufwendig nachgründen. Das verzögerte die Bauarbeiten und bedurfte zusätzlicher Mittel von der Sächsischen Aufbaubank.

Worüber haben Sie sich beim Umbau am meisten gefreut?
Da wäre einiges zu nennen. So ist es gelungen, den Jugendstil-Kachelofen in der Blockstube zu retten. Er hatte auf verfaultem Untergrund gestanden und zusammenzubrechen gedroht. Das historische Kleinod wurde fachmännisch zerlegt, eingelagert und nach Erneuerung der Blockstube wieder aufgebaut. Jetzt ist er mit einer modernen Brandfeuerung und elektronischer Zuluftregelung ausgestattet. Eine Augenweide ist die komplett neue Dielung mit langen, 40 Zentimeter breiten und verdeckt geschraubten Brettern aus Douglasie. Sie prägt maßgeblich das natürliche Erscheinungsbild im Haus. Weitere schöne Details: Die Holztreppen ins Ober- und Dachgeschoss sind nach historischem Vorbild gefertigt worden. Auch der Lehmverputz in mehreren Naturfarbtonen gibt dem Pilgerhäusl gegenüber anderen Gebäuden etwas Besonderes. Verwendet wurden originale Naturerden ohne Farbzusätze.

Welchen Eindruck sollen Gäste vom Pilgerhäusl mitnehmen?
Das Bild einer heimatverbundenen Herberge mit schlichter Außenwirkung, die das Gefühl der Wertschätzung historischer Bausubstanz vermittelt. Der Bau zeigt bewusst seine Altersstrukturen. Als Pilger kann man sie erleben, achten und lieben lernen. Ich hoffe, dass sich die Gäste gern daran erinnern, dass wir das alte Haus für heutige und nachfolgende Generationen gut instandgesetzt haben, so dass man sich beim Aufenthalt auf Pilgertour sehr wohlfühlen kann.
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