Pilgerherberge und Begegnungsstätte am Zittauer Jakobsweg
Wer immer in guter Absicht diese Schwelle betritt, er sei uns willkommen.

Osterausstellung

„Die Nacht leuchtet wie der Tag (Ps 139)“ – österliche Bilder von Tatjana und Lea Wittmann aus Zittau zu ausgewählten lyrischen Texten (28.03 - 23.05.2021)

Sobald es die rechtlichen Bestimmungen erlauben, kann die Ausstellung auch vor Ort besucht werden - allerdings nur mit Terminbuchung. Ansprechpartner ist Pfarrer Michael Dittrich, erreichbar unter 0162 917 99 49.

Osterwege

… sind weite, oft verschlungene Wege,
bis die Hoffnung gewiss errungen.
… sind leidvolle, anstrengende Wege,
bis der Trost tatsächlich gefunden.
… sind schwere, mühevolle Wege,
bis das Ziel endlich erreicht ist.
… sind lange, innere Wege,
bis das zutiefst verwundete Herz wieder neu entbrennt.

Es sind Osterwege,
die wir suchend gehen,
wie mit Blindheit geschlagen,
und doch geführt von IHM.


Text: Paul Weismantel, aus: Zeit zur Umkehr. Fastenkalender 2008. © CS-Media Kürnach
Bild: Tatjana Wittmann, Der Weg

Wenn…

Wenn ich sehen könnte wie du, Maria:
die Engel im Grab,
die Gestalt im Garten, den Meister: Rabbuni.

Wenn ich hören könnte wie du, Maria:
die Schritte des Gärtners,
die Worte des Meisters,
meinen Namen: Maria.

Wenn ich glauben könnte wie du, Maria:
die Botschaft des Grabes,
die Sendung des Herrn:
Geh und verkünde.

Wenn ich tanzen könnte wie du, Maria:
meine Freude, meinen Glauben:
Er lebt.

Wenn ich springen könnte wie du, Maria:
hinein in die Stadt, hin zu den Jüngern:
über meinen Schatten.

Wenn ich aufbrechen könnte wie du, Maria:
die Trauer der Menschen,
die Zweifel der Jünger: Glaubt mir!

Wenn ich jubeln könnte wie du, Maria:
Wie würde ich die Welt verändern!


Text: Marie-Luise Langwald, aus: Frauen-ge-danken. Begegnung mit biblischen Frauengestalten, © Patris Verlag
Bild: Lea Wittmann, Maria Magdalena
 

Heimkehren

Zu denken wagen,
dass vielleicht
der Tod
das Tor öffnet
lebenswärts
und wir hineinsterben
in unsere Ganzwerdung.

Zu denken wagen,
dass wir heimkehren
ins Licht,
aufgerichtet zu uns selbst.

Zu denken wagen,
dass der Tod
ein anderer ist,
als wir immer schon
geglaubt haben.


Text: Antje Sabine Naegeli, aus: Umarme mich, damit ich weitergehen kann – Gebete des Vertrauens, © Verlag Herder
Bild: Tatjana Wittmann, Aufgehende Sonne

Ostern heißt auferstehen
aus der trägheit


und den notwendigen schritt tun
auferstehen aus der verstellung
und versuchen wahrhaftig zu leben
auferstehen aus der unterwerfung
an das diktat der massen
und den mut finden für den ganz eigenen weg
auferstehen aus dem reglement der emotionen
und den eigenen gefühlen trauen
auferstehen aus der verleugnung des scheiterns
und einen neuen anfang wagen
auferstehen aus dem sumpf der lieblosigkeit
und der liebe immer wieder eine neue chance geben
auferstehen aus der litanei des schlechtredens
und das konstruktive tun
auferstehen aus der vorherrschaft des missmuts
und sich der Freude an den kleinen dingen öffnen


Text: Beate Schlumberger, aus: Eine Knospe der Freude, © Verlag am Eschbach
Bild: Tatjana Wittmann, Nach dem Regen

 

Bis zur äußersten Einsamkeit

In jener „Zeit jenseits der Zeit“ ist Jesus Christus „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Was bedeutet dieser Ausdruck? Er besagt, dass der Mensch gewordene Gott bis zu dem Punkt gegangen ist, in die äußerste und absolute Einsamkeit des Menschen einzutreten, wo kein Strahl der Liebe hin- gelangt, wo völlige Verlassenheit herrscht, ohne irgendein Wort des Trostes: „das Reich des Todes“. Jesus Christus hat dadurch, dass er im Tod verblieb, das Tor dieser letzten Einsamkeit durchschritten, um auch uns dazu zu führen, es mit Ihm zu durchschreiten. Alle haben wir gelegentlich ein schreckliches Gefühl der Verlassenheit verspürt, und was uns beim Tod am meisten Angst macht, ist genau das - wie als Kinder haben wir Angst, allein im Dunkeln zu sein, und nur die Gegenwart einer Person, die uns liebt, kann uns beruhigen. Genau das ist am Karsamstag passiert: Im Reich des Todes ist die Stimme Gottes erklungen. Das Undenkbare ist geschehen, dass nämlich die Liebe in das „Reich des Todes“ eingedrungen ist: auch in der äußersten Finsternis der absolutesten menschlichen Einsamkeit können wir eine Stimme hören, die uns ruft, und eine Hand finden, die uns ergreift und uns hinausführt. Der Mensch lebt durch die Tatsache, dass er geliebt wird und lieben kann; und wenn auch in den Bereich des Todes die Liebe eingedrungen ist, dann ist auch dort das Leben angelangt. In der Stunde der äußersten Einsamkeit werden wir niemals allein sein.


Text: Benedikt XVI. am Turiner Grabtuch
Bild: Lea Wittmann, Geborgenheit

Das erste Wort der neuen Schöpfung

Was hat sich eigentlich geändert seit der Auferstehung Jesu? Diese Frage hat mich schon immer bewegt. Eines hat sich sicher geändert: „Frau, warum weinst du?“ Mich bewegt das immer, dass das erste Wort des Auferstandenen, das erste Wort der neuen Schöpfung, denn mit Christus beginnt die neue Schöpfung, beginnt eine neue Welt, in der der Tod überwunden ist und der Hass besiegt ist. Das erste Wort des Auferstandenen ist: Frau, warum weinst du? Nicht eine große Erklärung in den Medien, nicht eine triumphale Manifestation in Jerusalem, sondern eine weinende Frau, die ihn sehr, sehr geliebt hat und die nicht weggegangen ist vom Grab. Jesus sieht ihre Tränen und fragt sie: Frau, warum weinst du? Brüder und Schwestern, das, was sich geändert hat durch die Auferstehung Christi, ist, dass die Liebe und das Mitgefühl gesiegt hat und immer wieder siegen wird. Ob es die Menschen wissen oder nicht, wo immer Mitgefühl gelebt wird, wo immer compassion, Barmherzigkeit, gelebt wird, - und sie wird an so vielen Orten gelebt, in Familien, in der Nachbarschaft, bei Tausenden Gelegenheiten, dort ist die Auferstehung am Werk, verborgen, oft ganz unscheinbar, aber wirklich.


Text: Christoph Kardinal Schönborn, Wien, Ostern 2019
Bild: Lea Wittmann, Trauernde Maria
 

Trotz aller Verwundungen

Es ist nicht zufällig, dass der Auferstandene immer an seinen Wunden erkannt wird. Als er den Jüngern am Abend des Ostertages erscheint, „zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.“(Joh 20, 20). Der Apostel Thomas besteht sogar darauf, dieses Erkennungszeichen zu sehen und zu berühren: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ (Joh 20, 25). Ostern feiern heißt darum nicht, die Wunden des Menschen, sein Leid und seine Lasten, ja sein Kreuz verschweigen oder kleinreden oder gar zum Tabu erklären. Ein Leben ohne Wunden gibt es nicht – bei Jesus nicht und bei keinem Menschen auf dieser Erde. Das ist tröstlich und herausfordernd zugleich. Verklärt ist alles Leid der Welt, des Todes Dunkel ist erhellt...“ – so singen wir in einem bekannten Osterlied. Das bedeutet doch: Auf Leid und Sterben jedes Menschen fällt seit Ostern ein neues Licht, ein Glanz, der von Gott kommt. Ostern sagt uns, dass wir trotz aller Verwundungen auf Leben hoffen dürfen, denn durch SEINE Wunden sind wir geheilt und in sein Leben gerufen.


Text: Bischof Wolfgang Ipolt, Görlitz, Ostern 2019
Bild: Lea Wittmann, Rettung

Wann ist Auferstehung

Nicht erst,
wenn alle Missverständnisse
weggeräumt sind,
sondern wenn ich alles vergeben habe.
Wenn der schwere Stein
meiner Traurigkeit
vom Herzen weggeweint ist
und ich wieder Hoffnung habe.
Wenn ich nicht mehr flüchten will,
sondern mich auf den Weg mache
zu meinen Brüdern und Schwestern.


Text: Ilse Pauls, aus: Worte am Weg, © Wolfgang Hager Verlag
Bild: Tatjana Wittmann, Torweg
 

Ostern

Du bist der Auferstandene.
Du bist unsere Auferstehung.

Die Erniedrigten
werden genannt werden:
die Erhöhten.
Denen, die keinen Ort hatten,
wird man zurufen:
o ihr Heimkehrer!
Die Gebeugten, die Finsteren
werden heißen:
die Tanzenden.
Den Schweigenden und Verbitterten
wird man zuklatschen:
seht die Singenden!
Die Belasteten und Beladenen
erhalten den Namen:
die Lachenden.
Und die im Todesschatten wanderten:
die Getragenen, die Behüteten.
Die Gestorbenen
wird man nennen:
die Erwachten
oder auch:
die Neugeborenen.


Text: Joop Roeland, aus: Die Stimme eines dünnen Schweigens, © Verlag Die Quelle
Bild: Tatjana Wittmann, Getsemani

Wir stehen im Morgen,

aus Gott ein Schein durchblitzt alle Gräber. Es bricht ein Stein. Erstanden ist Christus, ein Tanz setzt ein.

Ein Tanz, der um Erde und Sonne kreist: der Reigen des Christus voll Kraft und Geist. Ein Tanz, der uns alle dem Tod entreißt.

An Ostern, o Tod, war das Weltgericht. Wir lachen dir frei in dein Angstgesicht. Wir lachen dich an - du bedrohst uns nicht.

Wir folgen dem Christus, der mit uns zieht, stehn auf, wo der Tod und sein Werk geschieht, im Aufstand erklingt unser Osterlied.

Am Ende durchziehn wir, von Angst befreit, die düstere Pforte, zum Tanz bereit. Du selbst gibst uns, Christus, das Festgeleit.


Text: Jörg Zink, aus: Wie Wir Feiern Können, © Dolce Musica
Bild: Lea Wittmann, Tanz der Hoffnung
 

Frühlingserwachen
Linguistik

Du musst mit dem Obstbaum reden.
Erfinde eine neue Sprache,
die Kirschblütensprache,
Apfelblütenworte,
rosa und weiße Worte,
die der Wind
lautlos
davonträgt.

wenn dir ein Unrecht geschieht.
Lerne zu schweigen
in der rosa
und weißen Sprache.


Text: Hilde Domin, aus: Gesammelte Gedichte, © S. Fischer Verlag GmbH
Bild: Tatjana Wittmann, Frühlingserwachen

Zärtlich nah

Zärtlich nah
Zärtlich berührt
einander Zuwendung schenken
ohne den Freiraum zum Wachsen
zu verlieren

Zärtlich nah
einander Geborgenheit erfahren lassen
im Genießen der erotischen Kraft
der Freundschaft

Zärtlich aufgerichtet
einander Weite eröffnen
zum Sinn des Lebens bewegt:
wirklich lieben können

Zärtlich verwurzelt
einander in Verschiedenheit ergänzen
zum schöpferischen Mitsein
angestiftet


Text: Pierre Stutz, aus: Die spirituelle Weisheit der Bäume, © Patmos Verlag
Bild: Tatjana Wittmann, Aus der gleichen Wurzel
 

Ich wage es

Ich wage es,
an mich selbst zu glauben:
an meinen Drang nach Reife,
an meine Liebesfähigkeit,
an meine Begabung zur Freundschaft,
an meine entschiedene Ausdauer,
an meine immer neue Hoffnung.
Aber auch wenn ich versage und Fehler mache,
wenn ich unnötig verletze,
wenn ich anderen die Freiheit nehme,
wenn ich kleinkariert werde,
wenn ich mich nicht mehr erneuere,
wenn ich hart und unnahbar werde,
auch dann will ich glauben,
dass neben der Zerstörung
auch das Lebensförderliche in mir wohnt,
und ich will es hervorlocken
mit meiner Hoffnung und meinem Mut.


Text: Ulrich Schaffer, aus: Ich wage, © Groh Verlag
Bild: Lea Wittmann, Hoffnungsschimmer

Lebenswege

Es gibt Wege
die sind zu gehen
weil der Fluss
seinem Lauf folgen muss
um sich selbst
zu sein

eine Sehnsucht mitbekommen hat
die ihn lebendig
hält

Daran werden sich unsere
Lebenswege messen lassen:

Ob an ihren Ufern
das Leben
gedeiht.


Text: Thomas Schied
Bild: Tatjana Wittmann, Flusslandschaft
 

Ein Licht, das leuchten will

Ein Licht, das leuchten will, muss sich verzehren;
Trost, Licht und Wärme spendend, stirbt es still.
Ein Licht, das leuchten will, kann nichts begehren,
als dort zu stehen, wo`s der Meister will.

Ein Licht, das leuchten will, dem muss genügen,
dass man das Licht nicht achtet, nur den Schein.
Ein Licht, das leuchten will, muss sich drein fügen,
für andre Kraft und für sich nichts zu sein.

Ein Licht, das leuchten will, darf auch nicht fragen,
ob`s vielen leuchtet oder einem nur.
Ein Licht, das leuchten will, muss Strahlen tragen,
wo man es braucht, da lässt es seine Spur.

Ein Licht, das leuchten will in Meisters Händen,
es ist ja nichts, als nur ein Widerschein;
des ew`gen Lichtes Glanz darf es uns spenden,
ein Licht, das leuchten will für Gott allein.


Text: Hedwig von Redern, © www.christliche-gedichte.de
Bild: Lea Wittmann, Im goldenen Licht

Sonnenblume

Der Sturm hat ihren Stamm geknickt
und zu Boden geworfen.
Erst zaghaft konnte sich die Blume öffnen.

Ihre Zeit ist noch nicht vorbei.
Tapfer steht sie aufrecht
im wassergefüllten Krug
und trinkt
und wächst
und blüht
Tag um Tag.

Die empfangene Zuwendung
lässt sie strahlen
wie eine Sonne.

Geknickt von den Stürmen, geschwunden der Mut.
Wenn Sorgen sich türmen: Halt durch! Es wird gut.

Kann ich denn noch bestehen
mit meiner kleinen Kraft?
Ich will auf dich, Herr, sehen,
du bist es, der es schafft.


Text: Theophil Tobler, Bild-Worte 2011
Bild: Tatjana Wittmann, Sonnenblumen
 

Vom Baum des Lebens

Du hast vom Baum des Lebens
mir eine Frucht geschenkt.
Sie hat sich nicht vergebens
so tief in mich versenkt.
Sie wurde mir zur Quelle
der Sehnsucht nach Zuhaus´.
Sie leuchtet mir so helle
den Weg nach dorthin aus.
Ich seh schon aus der Ferne
wo Du Dich abgemüht.*
Im Glanz wie Himmelssterne,
Dein Heil ist voll erblüht.
Es ist wie einst in Eden.
Du selbst bist mittendrin.
Ach sagt es einem jeden
hier liegt des Lebens Sinn.
Den Weg mit Ihm zu gehen
an seiner starken Hand.
Er lässt ihn nicht verwehen
den Weg ins Heimatland.


Text: Manfred Reich, © www.christliche-gedichte.de
Bild: Lea Wittmann, Baum des Lebens

Über die Geduld

Man muss den Dingen
die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann,
alles ist ausgetragen –
und dann geboren…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst
dass dahinter kein Sommer kommen könnte.

Er kommt…!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor Ihnen läge,
so sorglos, still und weit.

Man muß Geduld haben
gegen das Ungelöste im Herzen
und versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben,
wie veschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Text: Rainer Maria Rilke, aus: Gedichte, © Insel Verlag
Bild: Tatjana Wittmann, Baumstudie
 

Gib dem Schmerz nicht falsche Namen

Gib dem Schmerz nicht falsche Namen,
frag die Trauer, was sie will.
Wohin möchte dich das führen,
was dir heut das Herz zerreißt.
Dunkel darfst du nennen,
was ohne Botschaft für dich ist.
Sieh, der Schmerz ist nur ein Licht,
das auf dein Morgen fällt,
zu wärmen eine Wunde,
die dein Herz gerettet hat.


Text: Sami Kuci, aus: Geschenke und andere Gedichte, © Wiesenburg Verlag
Bild: Lea Wittmann, Schmerz

Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen...


Text: Rainer Maria Rilke, aus: Gedichte, © Insel Verlag
Bild: Tatjana Wittmann, Einsame Großmutter
 

Wohn hier unter meinem Wort

Auf der Erde soll ich wohnen
nicht mit Schwingen wie ein Adler,
nicht im Dämmern wie die Eule,
nicht als Blume, die rasch welkt,
nicht mit Flossen unter Wasser,
nicht gejagt und nicht der Jäger,
nicht mit Hufen, nicht mit Klauen,
doch auf Füßen zwei,
um die Ferne zu erreichen,
um den Horizont zu holen –
und mit Händen, die was können: fällen, räumen, säen, ernten.
Nase voller Lebensatem
und ein Bauch voll mit Begehren,
mit dem Kopf nicht in den Wolken, doch der Sonne zugewandt,
um zu übersehn die Erde,
sie zu hüten wie ein Hirte,
fürsorglich wie einen Acker,
sie bei ihrem Namen nennen.
Dass ich Mensch bin auf der Erde
und nicht mehr, ein Kind von Menschen, eins davon und eins mit allen,
groß und nichtig, wehrlos, frei –
um zum Segen füreinander
da zu sein, den Weg zu gehen,
Weg der Liebe, wo am Ende
Leben menschenwürdig ist.


Text: Huub Oosterhuis, aus: Ich steh vor dir – Meditationen, Gebete und Lieder, © Verlag Herder
Bild: Tatjana Wittmann, Kirche im Abendlicht

Weiß die Natur noch den Ruck

Weiß die Natur noch den Ruck,
Da sich ein Teil der Geschöpfe
Abriß vom stetigen Stand?
Blumen, geduldig genug,
Hoben nur horchend die Köpfe,
Blieben im Boden gebannt.

Weil sie verzichteten auf
Gang und gewillte Bewegung,
Stehn sie so reich und so rein.
Ihren tiefinneren Lauf,
Voll von entzückter Erregung,
Holt kein Jagender ein.

Innere Wege zu tun
An der gebotenen Stelle,
Ist es nicht menschliches Los?
Anderes drängt den Taifun,
Anderes wächst mit der Welle, –
Uns sei Blume-sein groß.


Text: Rainer Maria Rilke, aus: Gedichte, © Insel Verlag
Bild: Tatjana Wittmann, Wilde Rosen
 

Verwandle mich

Verwandle mich
in deine Schönheit...
So werden ich und du
erscheinen in deiner Schönheit.
Meine Schönheit wird die deine
und deine Schönheit
wird die meine sein.
So werde ich du
und du wirst ich sein,
denn deine Schönheit
wird die meine sein.


Text: Johannes vom Kreuz, aus: Ihn will ich suchen, den meine Seele liebt, © Verlag Neue Stadt
Bild: Tatjana Wittmann, Duftig

Was wahr ist

Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen,
was wahr ist, bitten Schlaf und Tod dir ab
als eingefleischt, von jedem Schmerz beraten,
was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab.

Was wahr ist, so entsunken, so verwaschen
in Keim und Blatt, im faulen Zungenbett
ein Jahr und noch ein Jahr und alle Jahre –
was wahr ist, schafft nicht Zeit,
es macht sie wett.

Was wahr ist, zieht der Erde einen Scheitel,
kämmt Traum und Kranz und die Bestellung aus,
es schwillt sein Kamm und voll gerauften Früchten
schlägt es in dich und trinkt dich gänzlich aus.

Was wahr ist, unterbleibt nicht bis zum Raubzug,
bei dem es dir vielleicht ums Ganze geht.
Du bist sein Raub beim Aufbruch deiner Wunden;
nichts überfällt dich, was dich nicht verrät.

Es kommt der Mond mit den vergällten Krügen.
So trink dein Maß. Es sinkt die bittre Nacht.
Der Abschaum flockt den Tauben ins Gefieder,
wird nicht ein Zweig in Sicherheit gebracht.

Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten,
doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.
Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten,
dem unbekannten Ausgang zugewandt.


Text: Ingeborg Bachmann, aus: Sämtliche Gedichte, © Piper Verlag
Bild: Tatjana Wittmann, Madonna mit Lilie
 

Der Schimmel

Wolkenverhangener Himmel,
regendurchflutetes Land,
auf der Wiese ein Schimmel,
durchnäßt sein weißes Gewand.

Nebelschwaden, grauweiße Front,
silbern, mit Tröpfchen beladen,
verschwunden der Horizont,
Westwind spielt leis Serenaden.

Dem Schimmel scheint es egal,
läßt alles reglos geschehen,
gleicht einem marmornem Denkmal,
bleibt starr im Wiesengrund stehen.

Bis plötzlich ein Wiehern ertönt,
hallend, aus sehr weiter Ferne,
und sich der Himmel verschönt,
mit seiner Sonnenlaterne.

Da spitzt der Schimmel die Ohren,
galoppiert wuchtig durch’s Gras,
als gäb ihm jemand die Sporen,
Kraft, Lebensfreude und Spaß.


Text: Horst Rehmann, aus: Volltreffer Gedichte, heiter poetisch humorvoll nachdenklich, © Verlag Goldene Rakete
Bild: Tatjana Wittmann, Weiße Pferde

Oster-Wünsche

In allem Werden und Vergehen,
in allem, was auch kommen mag,
begleite uns die tröstliche Zusage
der Treue des Auferstandenen.

In allen Höhen und Tiefen,
in allen Licht- und Schattenseiten,
beseele uns der schöpferische
Atem des Auferstandenen.

In allen Gewinnen und Verlusten
in Gesundheit und Krankheit
berühre uns die heilende Kraft
der Nähe des Auferstandenen.

In allen Anfängen und Abschieden,
im Glück und im Unglück
erfülle uns die verwandelnde
Hoffnung des Auferstandenen.

In allem, was geschieht,
begegne und segne uns
ein Zeichen jenes, wahren Lebens,
das der Auferstandenen uns verheißt.


Text: Paul Weismantel, Quelle: www.kloster-reute.de
Bild: Tatjana Wittmann, Blumen mit Schmetterlingen
 

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.


Text: Marie Luise Kaschnitz, aus: Gedichte, © Suhrkamp Verlag
Bild: Lea Wittmann, Tiefer Glaube

Waldlied Nr. 9

Rings ein Verstummen, ein Entfärben;
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
Die Zeit der Liebe ist verklungen,
Die Vögel haben ausgesungen,
Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden,
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir als hör` ich Kunde wehen,
dass alles Sterben und Vergehen
Nur heimlich still vergnügtes Tauschen.


Text: Nikolaus Lenau, aus: Gedichte, © Reclam Verlag
Bild: Lea Wittmann, Aus der Dunkelheit
 

Lilith

Du aber bist die Gefahr der halbwachen Stunden,
bist die erwartete Feindin, nie überwunden,
gleißende Münze der Welt für den tiefsten Verrat,
Schrei des Versinkenden, Seele verworfener Tat -
Lilith -!

Seit du des Knaben einfachen Schlummer gestört,
hast du ihn je und je gegen sich empört,
glühtest im Tanz um des Täufers Haupt als würgende Lust,
flackerst als roter Triumph zwischen Dolch und Brust -
Unbeseelte -
Grauenvermählte -
gärend im Blut Verspärte - -
Selig der Auserwählte,
den sein Weg dir entführte!


Text: Bruno Ertler, aus: Eva - Lilith, © Verlag tredition
Bild: Tatjana Wittmann, Lilith
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